In einer Liebesbeziehung ist der Wunsch nach Nähe und Verschmelzung sehr groß.

Neben der Verschmelzung ist aber auch sehr wichtig, auf eigene Wünsche und Bedürfnisse zu achten.

In manchen Situationen wird es nötig sein, sich mit einem konstruktiven „Nein“ abzugrenzen.

Hier zwei Beispiele für eine missverständliche Abgrenzung:

Eine Frau sagt ihrem Mann: „Ich möchte meine Freundin mit ihrem Freund einladen“ – Er antwortet: „Ich will das nicht.“

Ein Mann fragt: „Ich möchte mit dir schlafen“ – Die Frau antwortet: „Nein, ich habe keine Lust.“

Diese Reaktionen sind destruktiv, da der Partner/die Partnerin eine solche Reaktion nicht verstehen kann, deshalb wahrscheinlich gekränkt ist und oft mit Wut reagiert.

Es wird nicht klar, welche Gefühle sich hinter dieser Reaktion verbergen. Es kann aufgestauter Ärger sein, vielleicht findet hier auch ein Machtkampf nach dem Motto statt, wer bestimmt, was gemacht wird, bzw. wer kontrolliert die Beziehung, vielleicht auch spielen Unsicherheit oder Angst eine Rolle.

Dieses Nein lässt sehr viele Interpretationen zu. Die angesprochene Person hört in der Regel nur Ablehnung, reagiert wütend und verletzt und produziert ihrerseits eine aggressive Gegenreaktion. Für beide Seiten keine gute Voraussetzung dafür, sich verstanden zu fühlen.

Zu einem konstruktiven Nein gehört, dass erklärt wird, welches die Gründe für die Ablehnung sind.

Ein Paar kam in meine Praxis wegen sehr häufiger Streitereien. Eine ihrer Streitsituationen, beispielhaft für viele andere, hatte mit dem oben angesprochenen Thema zu tun. Sie hatte ihre Freundin mit ihrem Freund einladen wollen. Er hatte ihren Wunsch abgelehnt und dafür leider keine Begründung gegeben, so dass seine Partnerin diese Reaktion als kränkende Ablehnung erlebte. Als Gegenreaktion überhäufte sie ihn mit Vorwürfen, und er zog sich zurück.

Dieser Mann hatte sich in seiner Herkunftsfamilie als jüngstes von vier Kindern nur selten wahrgenommen und ernst genommen gefühlt. Als Reaktion zog er sich immer stärker in sich zurück. Niemand fragte, wie es ihm gehe, er galt einfach als ein „Stiller“.

Da er in seiner Kindheit kaum erlebt hatte, dass seine Gefühle von anderen ernst genommen wurden, fühlte er sich in der Folge auch als Person nicht wichtig. Die Erfahrung, dass die eigenen Gefühle ernst genommen werden, stellt aber eine wichtige Voraussetzung dafür dar, diese nicht zu verdrängen, sie zu spüren und dann auch so ernst zu nehmen, dass man sich traut, darüber zu sprechen. Dazu war er nicht in der Lage. Oft wusste er nicht einmal, welche Gefühle ihn beherrschten, sondern spürte nur ein undefinierbares Unbehagen.

Seine Frau fühlte sich durch sein Verhalten verletzt und bekam den Eindruck, sie wäre ihm mit ihrem Wunsch nicht wichtig. Reden wolle er schon gar nicht mit ihr.

Dazu brachte sie noch das Thema aus ihrer Kindheit mit, dass sie sich von ihrem Vater nicht gesehen fühlte. So riss die Reaktion ihres Mannes bei ihr immer wieder alte Wunden auf, wodurch ihre Reaktion umso heftiger wurde. (Der Zusammenhang zum Vater war ihr natürlich nicht klar.)

Es ist leicht vorstellbar, dass durch diesen Konflikt ein Teufelskreis ausgelöst wurde. Er konnte sich nicht verständlich machen, sich nicht äußern, und sie wiederum fühlt sich von ihm schlecht behandelt.

Zurück zu dem o. gen. Konflikt: Die Frau wusste zwar, dass die beiden Männer sich nicht so gut verstanden, ärgerte sich aber, dass er nicht mal ihr zuliebe über seinen „Schatten springen“ wollte. Er verstand nicht, dass sie seinen Wunsch nicht respektierte. Sie könnte sich ja mit ihrer Freundin alleine treffen, sagte er nur. Beide ärgerten sich übereinander. Ein konstruktives Gespräch darüber fand nicht statt, beide fühlten sich missverstanden und abgelehnt.

Was war der Grund seines Widerstands gegen diesen Besuch?

Eine missverständliche Äußerung dieses Paares hatte er als Ablehnung interpretiert. Er konnte nicht nachfragen, wie sie die Äußerung gemeint hatten, aber auch nicht mit seiner Freundin darüber reden. Die Bemerkung war ihm peinlich gewesen, und er zog sich, wie gewohnt, von diesem Paar zurück. Sein innerer Widerstand führte zu dieser brüskierenden Ablehnung.

Das „Nein“, für das ich mich aussprechen möchte, ist ein Nein, mit dem ich mich verständlich mache und das zur Verbesserung der Beziehung beiträgt. Mit diesem Nein übernehme ich Verantwortung für mich, indem ich gut für mich sorge (nicht ohne Rücksicht auf den andern). Das ist wichtig für eine gelingende gleichberechtigte Beziehung.

Eine Person, die sich nicht erlaubt, auf ihre eigenen Grenzen zu achten, die alles macht, um den Partner, die Partnerin zufriedenzustellen, gibt sich selbst auf, lebt kein eigenes Leben und wird damit bald einem langweiligen Gegenüber.

Nein zu sagen und zu erklären, was einem nicht guttut, einem missfällt, führt zu mehr Lebendigkeit und vertieft die Liebe. Dass „Reibung Wärme erzeugt“, kennen wir aus der Physik und ist übertragbar auf die Beziehung. Ich werde ein echtes Gegenüber, wenn ich meinen Standpunkt vertreten und mich auch für mich einsetzen kann. Die Menschen sind unterschiedlich. Indem ich mich vertrete, steige ich nicht in einen Machtkampf ein, sondern respektiere mich als eine eigenständige Person. Dafür kann und darf ich eintreten.

Es ist aber ebenso wichtig, dass ich mich mit meinem „Nein“ verständlich mache.

Vielen von uns wurde dieses „Nein“ in der Kindheit ausgetrieben. Es galt als ungehorsam, anmaßend oder wurde nicht ernst genommen. Dadurch lernten wir früh, unsere Bedürfnisse und Wünsche selbst nicht ernst zu nehmen.

Wir können beobachten, dass wir oft noch heute als Erwachsene Schwierigkeiten haben, uns deutlich abzugrenzen, auch aus Angst vor der Reaktion des Gegenübers.

Wie schwer fällt es manchmal zu sagen: „Nein, ich möchte nichts mehr trinken,“ oder „Nein, Mutter, ich kann das Geschirr wirklich nicht gebrauchen, aber vielen Dank für dein Angebot.“

„Nein, Vater, ich besuche dich gerne, aber gerade an diesem Tag geht es nicht.“

Es ist eine große Herausforderung, mich selbst als Person so ernst zu nehmen, dass ich mich gut für mich einsetzen und mich auf eine wertschätzende Art vertreten kann.

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